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Interview: Quo Vadis #NextBI – wie können Innovationen im Bereich BI die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen verbessern

Die Competence Site im Gespräch mit Ingo Diekmann, Mitglied der Geschäftsleitung, IDL GmbH Mitte und Markus Sümmchen, Geschäftsführer der white duck GmbH.

„Digitalisierung“, „IoT“, „Industrie4.0“ und „Smarter Service“ gelten als die Zukunftsperspektiven für die #NextEconomy, aber auch neue Werte, neue Kundenanforderung oder Kollaboration treiben den Wandel. Bisherige BI-Themen wie Mobile BI gelten als etabliert. Andere Themen wie UX, Self Service und Smart Data, z.B. auf Basis von IoT oder 4.0 und Predictive BI gewinnen laut Google Trends sogar weiter an Popularität. Collaborative BI ist noch nicht gesetzt, aber sicherlich zukunftsrelevant.

So stellt sich wieder die Frage „Quo Vadis #NextBI?“ und vor allem: „Wie kann BI für eine verbesserte Zukunftsfähigkeit sorgen?“

Frage 1: Status-Quo, Treiber, Handlungsfelder Business Intelligence 2015/2016

Bevor wir in die Zukunft schauen, soll zunächst ein Blick zurück Klarheit darüber schaffen, wo wir mittlerweile stehen. Im letzten Roundtable fragten wir, wieweit die Trends Big Data und In-Memory-Computing, Mobile BI oder Social Intelligence … etabliert sind. Mobile scheint Commodity zu sein. Big Data wurde zu Smart Data (s. Grafiken von Google Trends in der Einleitung).

Was hat sich Ihrer Meinung nach in den letzten 18 Monaten beim Thema BI getan? Was sind die relevanten Treiber und Handlungsfelder für die Zukunft? Welche Innovationen haben sich nun weitgehend durchgesetzt, wo ist Etablierung noch im Werden und was sind die „little stars“, die neuen Themen mit Potenzial für die Zukunft? Gibt es auch Themen, die als Hype nicht wirklich das lieferten, was sie versprachen?

Antwort:

Ingo Diekmann: Wir stellen fest, dass sich neben den klassischen BI-Applikationen im Controlling (Reporting, Planung und Analyse) inzwischen zwei weitere große Säulen etabliert haben, die sich über ihren jeweiligen Anwendungsbereich definieren lassen und sich bis in die IT-Architektur manifestieren. Als starker Kern wird der Controlling- Sektor mit weitgehend standardisierten Auswertungen im Rahmen bewährter Steuerungskennzahlen erhalten bleiben. Die traditionelle DWH-Architektur (d.h. Vorsysteme, relationales DWH bzw. Staging Area und darauf aufbauend der multidimensionale Data Mart mit vordefinierten betriebswirtschaftlichen Analysen und Aggregationen samt entsprechender ETL-Prozesse) ist dafür bestens geeignet.

Daneben sehen wir heute den Bereich „Vorausschauende Analyse von Massendaten“ als tragende Säule, die sich künftig rasant weiterentwickeln wird. Dazu gehören Begriffe wie Big Data, Smart Data, IoT, Industrie 4.0, Social Web, Sensor Intelligence, Telemetrie, Predictive Analytics, Statistische Analysen oder Data Mining. Grundsätzlich geht es darum, Unmassen von Daten aus z.T. ganz neuen Datenquellen mit hochleistungsfähiger Technik und statistischen Verfahren zu verschiedensten Zwecken auszuwerten. Als Ziele stehen derzeit optimierte Wertschöpfungsketten von Produkten im Fokus - von der Entwicklung über die Fertigung, Logistik und gezielte Vermarktung bis zu damit verbundenen Dienstleistungen. Der Themenbereich öffnet sich also weit über die Controlling- Aufgaben hinaus, und der zeitliche Analyse-Horizont von Vergangenheits-Betrachtungen hin zur Ableitung von Zukunftstrends, und zwar möglichst individuell mit Blick auf einzelne Produkte, Chargen, bestimmte Zielgruppen oder den Endkunden. Eine typische BI-Architektur hat sich dafür noch nicht ausgebildet. Hier wird sich vor allem beim Knackpunkt „Speichern und Verarbeiten großer Datenmengen und neuer Datenarten“, von dem die Organisation der Datenströme abhängt, noch viel tun. Die naheliegende Lösung ist, große Mengen an unverarbeiteten Rohdaten aus verschiedenen Quellen auf leistungsfähigen Servern zu speichern und von dort ohne Umweg über ein Data Warehouse direkt in hoch performaten Analysesystemen auszuwerten. Nur selektive Daten bzw. Analyseergebnisse werden dem Enterprise Data Warehouse als Grundlage für weitere betriebswirtschaftliche Analysen zugeführt.

Die dritte BI-Säule, die inzwischen auch ihren festen Platz in Unternehmen hat, ist eine flexible Self-Service-BI. Meist sind es Fachabteilungen, die sich selbst über einfach bedienbare BI-Frontends mit schnellen und bedarfsgerechten Informationen für ihren Geschäftsalltag versorgen. Typisch ist der direkte Zugriff auf die operativen Vorsysteme. Die Einzelinformationen können auf diese Weise sehr flexibel zusammengestellt werden. Diese BI-Architektur ist aber nicht daraufhin konzipiert, komplexe Auswertungen, die ein vorverdichteter Data Mart mit hinterlegten Formeln z.B. im Controlling-Umfeld ermöglicht, oder unternehmensweite Reporting-Szenarien in rollenbasierten Plattformen zu unterstützen.

Markus Sümmchen: Alle drei BI-Anwendungsbereiche werden unserer Meinung nach in Unternehmen gebraucht und sich daher auch nebeneinander weiterentwickeln. Der entscheidende Erfolgsfaktor für die entstehenden umfassende BI-Landschaften wird sein, dass die verschiedenen Modelle untereinander integrierbar sind - Insellösungen sind auch künftig nicht gefragt. Nur so kann sich der volle Mehrwert der jeweiligen Spezial- Disziplin entfalten, und nur so bleiben Compliance und Administrationsaufwand beherrschbar.

Was sich neben den bisher besprochenen internen BI-Anwendungen als weiterer interessanter Trend abzeichnet, sind neue Geschäftsmodelle durch die Vermarktung fachlicher BI-Ergebnisse. Auch dieser Dienstleistungs-Markt wird durch technische Innovationen, die ganz neue Angebote möglich machen, vorangetrieben. Beispiele sind u.a. Wirtschaftsprüfer, Steuerberater oder Personaldienstleister, die entweder branchenübergreifend oder spezialisiert auf eine bestimmte Zielgruppe wie Rechtsanwälte oder Ärzte über die klassischen Abrechnungs- und Buchhaltungsservices hinaus Zusatzleistungen wie Controlling, branchen- und unternehmensspezifsche KPI oder einfach bedienbare, flexible Analysefunktionen anbieten können. Cloud-BI, die den rechtegesteuerten Zugriff auf individuelle interaktive Berichte und BI-Funktionalität ohne IT-Administrationsaufwand und bei kalkulierbaren Kostenpauschalen auch für kleine Kanzleien oder Arztpraxen ermöglicht, hat dabei sicher die größte Schubkraft. Die BI-Hersteller übernehmen hier die Bereitstellung der technologischen Plattform, ihre Kunden das fachliche Customizing, und deren Kunden wiederum sind die Anwender bzw. Endkunden.

Weitere Begriffe aus der BI-Diskussion der letzten Jahre wie „Mobile BI“ oder „In-memory“ sind als Schlagworte kaum noch präsent, weil sie - wie in Ihrer Frage bereits formuliert - heute „Commodity“ sind. Von BI-Systemen erwartet inzwischen jeder genauso wie von seinen privaten Medien schnelle Antwortzeiten und unbeschränkten Zugriff über alle Endgeräte. Wie das funktioniert, ist für den Anwender irrelevant, die Technologien müssen nicht weiter diskutiert werden.

Frage 2: Neue Daten als Basis für #NextBI, Datenmanagement

Einige technologische Innovationen wie IoT werden an Bedeutung gewinnen. Schon wird von Sensor Intelligence gesprochen. Auch das Social Web bietet noch Potenziale für Smart Data, Analytics und Predictive Applications, auch wenn das Interesse (Google Trends) an Social die Hype-Phase hinter sich hat. Mehr denn je stellt sich die Frage nach einem systematischen Datenmanagement und einer Datenstrategie.

Welche Relevanz haben die neuen Datenquellen wie Social oder IoT in ihrem Erfahrungskontext heute schon und was kann man in 5-10 Jahren noch erwarten? Können Sie Beispiele nennen, wo die neue Transparenz schon von hoher Relevanz ist? Inwieweit verfügen die Unternehmen über eine fundierte Daten- Strategie?

Antwort:

Ingo Diekmann: Die genannten Stichworte sehen wir alle im Umfeld des Begriffspaars „Big Data - Predictive Analytics“, das den Datenstrom zur gezielten Ableitung von Trends aus Massendaten umreißt. (Die 2. Säule der oben beschriebenen 3 BI-Anwendungsbereiche). Vorreiter in diesem Bereich wie die NSA, Amazon, Google, die Automobilindustrie oder auch Fernsehgeräte-Hersteller, die massenhaft Nutzerdaten speichern und auswerten, kennen wir alle. Insgesamt stehen wir in diesem Anwendungsbereich aber erst ganz am Anfang. Vorhandene Ansätze als Basis komplett neuer Geschäftsmodelle und Informationsprozesse sind bisher nur rudimentär entwickelt und schon gar nicht in der Breite der Unternehmen verankert. Bei unseren Kunden stellen wir allerdings fest, dass das Thema überall auf der Agenda steht und bereits erste Machbarkeits-Studien gestartet werden; sie stehen quasi in den Startlöchern. Die aktuelle operative Relevanz der Themen ist also gering, die Planungsrelevanz aber sehr hoch.

Markus Sümmchen: An technologischen Grundlagen wird es nicht scheitern; die nächste Systemgeneration bringt bereits die entsprechende Leistungsfähigkeit und Funktionalität mit. Eine entscheidende Schwelle wird jedoch tatsächlich das Datenmangagement sein - hier gibt es in der Praxis sehr viel Nachholbedarf. Eine durchdachte oder dokumentierte Daten-Strategie ist in kaum einem Unternehmen zu finden. Nach wie vor hakt es noch bei grundlegenden Basisaufgaben wie einem systematischen Qualitätsmanagement der Stammdaten. DQM, Strukturierung verschiedener Datenarten, Richtlinien für Speicher- und Löschzyklen, Schnittstellendefinition - diese Aufgabenbereiche erhalten in modernen integrierten IT-Landschaften zunehmend strategische Bedeutung und bräuchten die entsprechende Aufmerksamkeit der Unternehmensleitung. Das ist bisher meist nicht der Fall. Außerdem erfordern sie inhaltliche Querschnittfunktionen aus IT und Fachbereichen. Die unklare organisatorische Aufhängung bzw. fehlende Budgetgeber im Unternehmen sind derzeit ernsthafte Hindernisse für die benötigten nachhaltigen Datenmanagement-Initiativen.

Wir denken: Ein eigenständiges Kompetenzzentrum mit Fach- und IT-Experten sowie Durchsetzungskraft für unternehmensweite Initiativen, z.B. verankert in einem BICC, wären eine gute Voraussetzung für das anspruchsvolle Datenmanagement künftiger ITbzw. BI-Landschaften. Davon sind die meisten Unternehmen aber noch weit entfernt.

Frage 3: „Neue“ Funktionen wie Analytics und Predictive für #NextBI

Analytics und Predictive sind eigentlich keine neuen Funktionalitäten. Trotzdem waren sie auch 2015 auf BI-Veranstaltungen immer präsent. Auch BI-Klassiker wie das Reporting oder Planung und Forecasting erleben noch Innovationen, z.B. über die Art ihrer Nutzung (z.B. kollaborative Planung, Informationsdemokratisierung, s. u.).

Welche funktionalen Innovationen sind Ihrer Meinung nach für #NextBI von Bedeutung bzw. auf welche Funktionalität werden Unternehmen nun vermehrt setzen? Was können diese Funktionalitäten für die Zukunftsfähigkeit konkret leisten?

Antwort:

Markus Sümmchen: Vorausschauende Analysen, die auch in klassischen BI-Anwendungen schon immer ihren Platz hatten, werden künftig noch weiter an Bedeutung gewinnen. Im Controlling kann man sich angesichts volatiler Märkte nicht mehr nur mit historischen Werten beschäftigen. Vor allem im Rahmen von Planung und Forecasting gehören mathematisch-statistische Prognosen, Trendfortschreibungen auf Basis von Vergangenheitswerten und Szenarien-Simulation daher sicher schon bald zu den selbstverständlichen Standardfunktionen.

Ingo Diekmann: Was unsere Kunden aber derzeit vor allem im Visier haben, ist die tiefe Integration ihrer gesamten Berichtslandschaft: Reporting, Planung und Konsolidierung sollen mit einheitlichem Zahlenwerk in einer durchgängig integrierten Systemumgebung laufen. Durch automatisierte Prozesse und Datenströme sowie einen konsistenten Datenpool sollen Berichtsprozesse effizienter werden und zeitnahe, qualitativ hochwertige Ergebnisse liefern. Dazu sind vor allem Funktionalitäten für eine durchgängige Prozesssteuerung mit dezidierter Zugriffsrechte-Regelung, Workflows mit modernem Rollenkonzept, lückenlose Dokumentation der einzelnen Bearbeitungsschritte sowie leistungsfähige ETL-Werkzeuge gefragt. Im Finanzbereich werden auch Compliance- Aspekte immer wichtiger; die Informationsverarbeitung muss auf allen Ebenen zuverlässig und revisionssicher dokumentiert verlaufen.

Frage 4: Neue UX und Kollaboration, …für #NextBI

Consumerization scheint sich im Bereich der BI durchgesetzt zu haben, das gilt auch für Self-Service und Mobile. In anderen Bereichen werden schon neue Formen der Nutzerinteraktion (Gesture, Augmented Reality, Gamification, …!) diskutiert. Wichtiger scheinen im Bereich BI aber oft bis heute Basics wie ein nutzerorientiertes Reporting Design oder neue Organisationsformen für Business Intelligence wie operative BI, Informationsdemokratisierung oder Collaborative Reporting, Planing, …

Welchen Reifegrad haben die User Experience und User Interaction Ihrer Meinung nach im Bereich BI erreicht? Wie sieht eine zukunftsfähige UX/UI heute und morgen aus? Wie wird Business Intelligence in Zukunft „kollaborativ“ organisiert?

Antwort: 

Markus Sümmchen: Insgesamt wird die UX/UI-Entwicklung von Business-Applikationen durch die Vorreiter im Consumer-Umfeld vorangetrieben - BI ist hier kein Sonderfall. Allerdings ist festzustellen, dass die BI-Innovationszyklen deutlich kürzer sind als bei sonstiger Unternehmenssoftware wie ERP- oder CRM-Systemen. Der BI-Sektor war schon immer agil und außerdem mit dem zentralen Ziel, fokussierte Informationen kompakt und übersichtlich zu vermitteln, prinzipiell stark visuell geprägt. Das entspricht den modernen Nutzeroberflächen und Bedienkonzepten im Consumer-Bereich. Man war also immer nah dran an Innovationen hinsichtlich grafisch orientierter Frontends und hat zum Teil parallele Ausprägungen für die Geschäftswelt entwickelt oder nutzbare Vorbilder aus dem Consumer-Bereich zügig adaptiert.

Ingo Diekmann: Die Zukunft der nutzerorientierten BI-Systeme sehen wir in der Kombination intuitiver Bedienoberflächen mit individuell steuerbaren Rollenkonzepten, also einer Systemoberfläche, in der die Anwender komfortabel durch ihre jeweiligen Aufgabengebiete geführt werden. Das System unterstützt die tägliche Arbeit im Worfklow mit angebotenen Inhalten und Funktionen gemäß der fachlich ausgerichteten Prozesse und Interaktionen mit anderen Prozessbeteiligten. So stellen wir uns „kollaborative BI“ vor - ganz aus Sicht des einzelnen Anwenders, der seine Arbeit zügig und gezielt erledigen kann, ohne die dahinter liegenden komplexen Systemfunktionen wahrzunehmen.

Im inhaltlich anspruchsvollen Controlling und Rechnungswesen wird die systemgestützte Führung durch den fachlichen Prozess besonders geschätzt - das bestätigen uns die IDL-Kunden immer wieder. Sie erhalten dadurch die Sicherheit, Compliance-konform und fehlerfrei zu arbeiten. Auch die Dokumentation aller Arbeitsschritte im System macht die komplexen kollaborativen Berichtsprozesse transparent und revisionssicher. Die neue IDL-Produktsuite ist gemäß dieser Prinzipien entwickelt. Intuitives Arbeiten entlang des Fachprozesses wird beispielsweise durch Drag&Drop im Powerpoint-Style, Textbearbeitung wie bei OneNote oder Navigation über Thumbnail-Leisten oder Zoom- In auf Datenvisualisierungsobjekte eines Dashboards unterstützt.

Moderne BI-Systeme verbinden eine sehr hohe Funktionalität und Leistungsfähigkeit mit dem Gefühl der „Leichtigkeit“ für den Nutzer. Für unsere Kunden wird dabei die Cloud- oder Hybrid-Version immer interessanter - auf diese Weise haben auch Unternehmen mit begrenzten IT-Ressourcen und überschaubaren Budgets die Chance, mit State-of-the-Art-Applikationen auf professionellem Sicherheitsniveau zu arbeiten.

Vielen Dank für das Interview!

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