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Drei Fragen an Dr. Markus Kreher: Keine Verbesserung ohne Veränderung

In Kooperation mit der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität beleuchtet die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in ihrer Studienreihe „Digitalisierung im Rechnungswesen“ die Veränderungen zu den Vorjahren, Technologien und Systeme sowie den Blick auf die Mitarbeiter der Zukunft. Dr. Markus Kreher, Head of Finance Advisory und Partner bei KPMG, beantwortet hier konkret drei Fragen zur diesjährigen Studie.

IDL: Herr Dr. Kreher, Sie sagen die Digitalisierung des Rechnungswesens in Unternehmen schreitet stetig, aber langsam voran. Wie meinen Sie das und was sind die konkreten Themen?

Dr. Markus Kreher: Bereits im dritten Jahr in Folge hat KPMG in deutschen, österreichischen und schweizer Unternehmen den Status quo und die Entwicklungstendenzen der Digitalisierung im Rechnungswesen untersucht. Wir haben dabei festgestellt, dass sich an den Prioritäten wenig geändert hat: Nach wie vor gilt das Hauptaugenmerk gerade jenen Projekten, die grundlegende Voraussetzungen für weitere Digitalisierungsschritte schaffen.     

Insofern nehmen für die meisten Finanzabteilungen wie in den vergangenen zwei Jahren zuvor noch immer Homogenisierung der Systeme und Standardisierung von Prozessen höchste Priorität innerhalb der Digitalisierungsstrategien ein. Um den digitalen Wandel vorzubereiten, werden ganz konkret beispielsweise Stammdaten bereinigt, Systemlandschaften und Arbeitsabläufe homogenisiert sowie Altsysteme abgelöst.  Den Studienergebnissen zufolge nimmt im Vergleich zu 2018 der Einsatz neuer Technologien langsam zu, das gilt insbesondere für regelbasierte Systeme wie Robotic Process Automation und Software-Bots; allerdings thematisieren über 70 Prozent der Befragten das Thema Blockchain zur Zeit überhaupt nicht.    Ebenfalls interessant festzustellen war, dass mehr als die Hälfte der an der Untersuchung teilnehmenden Unternehmen ihre transaktionalen Geschäftsprozesse wie etwa „Purchaseto-Pay“ bereits teilweise automatisiert hat.

Process Mining wird hingegen vermehrt nur von den großen Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern für ausgewählte Prozesse genutzt oder immerhin schon diskutiert. Jedes zweite Unternehmen plant, innerhalb der nächsten drei Jahre sein ERP-System umzustellen. Gerade deshalb sind nach wie vor die vorgenannten Themen Homogenisierung und Standardisierung so immens wichtig, um hier eine gute Ausgangsbasis für diese Mammut-Projekte zu haben.

Digitalisierung ist ja auch immer ein Mitarbeiter-Thema. Was gibt es hier für neue Erkenntnisse? 

Digitalisierungs-Projekte erfordern zur Durchführung mehrheitlich interdisziplinäre Teams aus IT und Fachbereich, daran hat sich nichts geändert. Die Unternehmen benötigen insofern für das Rechnungswesen auch weiterhin Mitarbeiter mit ausgewiesenem Prozessverständnis, aber gerade auch Affinität zu IT-Systemen und Knowhow in Bezug auf Datenanalysen.

Außerdem ist verstärkt Aufgeschlossenheit gefragt gegenüber Neuem, während zugleich Flexibilität und Umsetzungsstärke zunehmend an Bedeutung gewinnen.    Der Kompetenzaufbau in den Unternehmen erfolgt über das Einstellen neuer Mitarbeiter, die die benötigten Skills mitbringen und sich dann intern auch als Multiplikatoren einbringen können, aber eben auch über dezidierte Weiterbildungsmaßnahmen.
Gerade im Technologiebereich möchten viele Unternehmen dem Fachkräftemangel mit selbst erarbeiteten Schulungskonzepten entgegenwirken.     

Unsere aktuellen Studien Ergebnisse haben jedoch gezeigt, dass die befragten Unternehmen ihre Weiterbildungen verstärkt auch extern gestalten lassen und Kooperationen dabei eine eher untergeordnete Rolle spielen. Etwa die Hälfte lagert die Verantwortung für die Weiterbildungen nach außen aus. Das erstaunt umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Automatisierung repetitiver Prozesse den Kompetenzaufbau von Mitarbeitern zunehmend in den Mittelpunkt rückt und sich zu einem Wettbewerbsvorteil entwickeln könnte. Festzustellen ist ohnehin ganz generell: Es wird im Bereich Mitarbeiter kräftig investiert! 

Im Übrigen hat das agile Projektmanagement, das ja für komplexe Vorhaben wie die Digitalisierung von Unternehmen in aller Munde ist, aktuell bei den Befragten im Rechnungswesen kaum noch eine Bedeutung: Der Stellenwert von Agilität und damit der Bereitschaft, schnelle Veränderungen herbeizuführen und auf Veränderungen zu reagieren, fällt bei Transformationsprojekten im Rechnungswesen verhältnismäßig gering aus.

Wie steht es denn um die Digitalisierung der Abschlussprüfung? 

Wenn es um die Digitalisierung der Abschlussprüfung geht, setzen die Unternehmen hohe Erwartungen an ihren Abschlussprüfer. Dabei wünschen sie sich Hilfestellungen, um Prioritäten richtig zu setzen und Projekte vorantreiben zu können – mit dem klaren Ziel, die eigene Finanzorganisation zu verbessern. Rund drei Viertel der befragten Unternehmen erwarten von ihrem Abschlussprüfer entsprechende Datenanalysen im Haupt- und Nebenbuch. Während sich dabei im Hauptbuch mit technischer Unterstützung Unregelmäßigkeiten und Auffälligkeiten vergleichsweise schnell erkennen lassen, erweisen sich die Analysen der Daten in den Nebenbüchern als deutlich aufwendiger und technisch komplexer – das gilt insbesondere für die Einkaufs und Vertriebsprozesse.     

Für den Abschlussprüfer gilt es zudem, vorhandene Informationslücken zu schließen, hält sich doch mehr als die Hälfte aller Befragten in Bezug auf die Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung im Bereich der externen Abschlussprüfung für schlecht informiert. Ganze 81 Prozent der Befragten wären in diesem Zusammenhang gar bereit, für eine durch die Abschlussprüfung zu Tage getretene Prozessoptimierung zusätzliche Mittel bereitzustellen und aufzuwenden

Vielen Dank für das Gespräch! 

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