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Alles Umsatz, oder was? Neufassung der Umsatzdefinition nach BilRUG

Mit Inkrafttreten des Bilanzrichtlinie-Umsetzungsgesetzes (BilRUG) am 23.07.2015 wurde die überarbeitete EU-Bilanzrichtlinie 2013/34/EU in deutsches Recht transformiert. Wesentliche Auswirkungen der Bilanzrechtsreform werden v.a. aus der Änderung der Umsatzdefinition erwartet.

 

Bislang war die Abgrenzung der Umsatzerlöse gem. § 277 Abs. 1 HGB an die entscheidenden Tatbestandsmerkmale der „gewöhnlichen Geschäftstätigkeit“ und des „typischen Leistungsangebots“ des Unternehmens geknüpft. Damit konnten Umsatzerlöse zum einen über die gewöhnliche Geschäftstätigkeit i.S. regelmäßig anfallender Erträge von den außerordentlichen Erträgen abgegrenzt werden. Zum anderen diente das Kriterium des typischen Leistungsangebots dazu, Umsatzerlöse und sonstige betriebliche Erträge zu unterscheiden. So fällt de lege lata z.B. ein Ertrag aus der Vermietung eines Verwaltungsgebäudes bei einem Industrieunternehmen zwar regelmäßig an, ist aber nicht dessen typischem Leistungsangebot zuzuordnen und damit als sonstiger betrieblicher Ertrag zu klassifizieren.

Mit dem BilRUG werden diese beiden Tatbestandsmerkmale aus der Umsatzdefinition nach § 277 Abs. 1 HGB entfernt. In der Konsequenz können künftig alle Erlöse aus Produkten und Dienstleistungen des Unternehmens als Umsatzerlöse qualifizieren, also auch solche, die bislang als sonstige betriebliche oder außerordentliche Erträge klassifiziert wurden. Die Auswirkungen dieser Änderung können jedoch durch sachgerechte und praktikable Auslegung der verwendeten Begriffe relativiert werden. Gerade im Produktabsatzbereich – also beim Verkauf von Erzeugnissen und Waren – sollte z.B. eine Begrenzung auf Erträge gangbar sein, die aus dem Verkauf von Vorräten erzielt werden. Der Verkauf von Anlagevermögen sollte also weiterhin nicht zur Generierung von Umsatzerlösen führen. Als problematisch dürfte sich dagegen die Umsetzung des Dienstleistungsbegriffs erweisen. Sollte hier ein für Dienstleistungen charakteristischer Leistungsaustausch vorliegen, dürfte dem Umsatzausweis kaum etwas entgegengesetzt werden können. Lediglich bei Fehlen des Leistungsaustauschs, z.B. bei Erträgen aus Schadensersatzfällen, scheidet eine Umsatzbuchung aus. Aber auch aufwandsseitig wird die geänderte Umsatzdefinition nachzuvollziehen sein. So werden künftig die mit dem „neuen“ Umsatz korrespondierenden Aufwendungen in der GuV (v.a. nach Umsatzkostenverfahren) den Herstellungskosten des Umsatzes und nicht weiter den sonstigen betrieblichen Aufwendungen zuzurechnen sein.

Gerade im Rahmen der Kennzahlenrechnung wird die beschriebene Neuerung zu verschiedenen Verwerfungen führen. Da Umsatzerlöse künftig nicht mehr zwingend aus regelmäßig anfallenden Geschäften i.S.d. gewöhnlichen Geschäftstätigkeit resultieren, können auch nicht nachhaltige Erträge im Umsatz enthalten sein, was bei der Interpretation der Kennzahlen und deren Veränderung zu berücksichtigen ist. Hier werden vielfach Maßnahmen zur analyse- oder steuerungsorientierten Datenaufbereitung notwendig werden, um die Informationsfunktion der Abschlussdaten aufrecht zu erhalten. Gespeist werden können diese Maßnahmen zum einen aus den handelsrechtlichen Anhangangaben, aber auch auf Ebene der GuV kann eine weiterführende Postenuntergliederung gem. § 265 Abs. 5 Satz 1 HGB hilfreiche Anhaltspunkte bieten. In jedem Fall wird es für Abschlussersteller wie -adressaten von enormer Bedeutung sein, sich frühzeitig mit der Umsetzung der aus dem BilRUG resultierenden Änderungen zu befassen.

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